Wellington

Der große Städtetest Teil II: Wellington. Hauptstadt Neuseelands und Hauptstadt der Herzen?

Ein weiteres Mal geht es darum, welches ist die beste Stadt im Lande? DA uns diese Frage in Neuseeland auffällig oft untergekommen ist. Wir nehmen wieder einmal Lage, Stadtbild, Stimmung, Wetter und als unsere Herzenskriterien Kaffeequalität und Global-Nomad-Freundlichkeit unter die Lupe. Wellington steht im Rennen gegen Christchurch und Auckland.

Wellington, die Hauptstadt Neuseelands, ist mit gut 200.000 Einwohnern schon fast keine Großstadt mehr. Örtlich ist Wellington der Nabel Neuseelands. An der Südspitze der Nordinsel gelegen, ist es nur eine Fährfahrt von der Südinsel entfernt. Das Klima ist maritim mild. Es wird weder richtig kalt, noch wirklich heiß. Leider, wie auch wir miterlebt haben, ist es immer windig und es regnet viel. Pulli und Regenschirm gehören das ganze Jahr über zur Grundausstattung. Das gibt leichte Abzüge.

Andererseits bietet ein Regenschauer eine willkommene Gelegenheit sich in eines der schnuckeligen Cafés zu verziehen, sich in die Eckbank zu kuscheln, einen Cappuccino zu schlürfen und das wilde Meerestoben zu beobachten, wie im empfehlenswerten Maranui Cafe im Viertel Lyall Bay. In Sachen Cafés und Restaurants nimmt Wellington eine klare Vorreiterstellung im Land ein. Einen besonderen Pluspunkt gibt es für Originalität.  Es gibt eben nicht nur modernen Hipsterläden, die mit ihrem Vintage-Einheitslook austauschbar sind wie Filialen der großen Kleidungsketten álá H&M, sondern kreativ gestaltete Oasen, wie das Matterhorn oder das Midnight Espresso.  In Letzteres stolperten wir zufällig an einem Sonntagmorgen um 7.30 Uhr auf der Suche nach einem frühen Frühstück mit WC (wir hatten semilegal um die Ecke gecampt, ohne Toiletten; falls ihr euch fragt, wieso wir wohl um die Uhrzeit schon rumstreunen). Starbucks Filialen haben sich gar nicht durchgesetzt und mussten zum Teil wieder schließen. Das spricht für sich. Zu unserer großen Freude sind die meisten Lokale offen dafür, wenn wir unser kleines temporäres Büro aufbauen. Mit etwas Charme und Glück bekommt man sogar das „geheime“ Passwort von der Bedienung mit zeitlich unbegrenztem Internet – vor allem wenn es draußen stürmt und schüttet.

Der Durchschnittspassant in Wellington ist überdurchschnittlich mutig, sprich anders, gekleidet. Das bringt eine gewisse Trendyness in die ansonsten unspektakuläre autofreie Zone der Cuba Street, dem kommerziellen Zentrum der Stadt – bei uns würde man wohl sagen Fußgängerzone. Die Leute, zumindest die, mit denen wir ins Gespräch kommen, scheinen etwas weltmännisch offener zu sein als der gemeine Aucklander.

Wie es eben städtebauerische Art ist in NZ, geht auch Wellington ganz schön in die Breite. Zentrum und Nachbarschaften schmiegen sich weitläufig an die zerklüftete Küste. Schön ist, dass jede Nachbarschaft ihre eigenen kleinen Kern und somit auch ihren eigenen Vibe hat. Die Kunst- und Kneipenkulturszene lebt und bebt überall. Wohl einer der meistgenannten Vorteile der Stadt, die vor allem das junge Publikum anzieht – und zu jung zählen ja heute noch die bis 50 Jährigen. Im Stadtteil Miramar steht das Roxy Cinema, ein Juwel der Kinokultur. In den 20er Jahren startet das Haus als Stummfilmkino The Capitol Theatre. Heute ist es auch Sinnbild für Wellington als die Filmhauptstadt, vor allem mit den zahlreichen Sets aus Peter Jackson Filmen. Mitbetreiber des Roxy sind auch Gründer des bekannten Weta Workshops, wo Requisten, Kostüme und Design für bekannte Streifen wie Avatar, Mad Max, Herr der Ringe und Hobbit entstanden. Wenn man dann nachts weiter durch die Straßen streift, kann man in einer unscheinbaren Hinterhofgasse zwei kleine Hütten entdecken, das ist die Havana Bar. Nachdem man an dem gesprächigen Türsteher vorbei ist, gibt es in der linken Hütte leckere Magentratzerl (=Tapas, wers ned versteht) und in der rechten Hütte karibische Cocktails mit Livemusik. Danach kann man sich rund um die Cuba Street von einer Bar in die nächste treiben lassen, bis der Geldbeutel streikt – was bei einem Bierpreis um die neun Dollar recht schnell passieren kann.

So geht Wellington mit dem Charme einer Kleinstadt, aber dem kulturellen Angebot einer Weltstadt knapp in den Vorsprung des großen Städtetests.

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