Hipster-Land: Seattle und Portland

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Wir sind gespannt. Denn vielfach wurden uns Seattle und Portland auf unseren Wegen als das Beste was die USA momentan an Städten zu bieten hat, angepriesen. Aufstrebend, jung, hip.

Ein paar Eindrücke (was vom Material zu retten war):

Aus nördlicher Richtung stoßen wir als Erstes auf Seattle. Man spürt Charakter. Die Stadt hat einiges durchgemacht. An den Ausläufern des Pazifiks gelegen, wirkt alles gegerbt und schmutzig – wie ein alter Kutter der auf Grund gelaufen ist. Was die Stadt schon alles über sich ergehen lassen musste, erfahren wir bei der Untergrund-Tour am historischen Pioneer Square. Das riesige „Untergeschoss“ der Stadt würde man im Leben nicht vermuten. Die Anhebung um eine Etage war die notwendige Korrektur des ehemals falsch konstruierten Abfluss-Systems das nur bei Ebbe funktionierte. Bei Flut lag der Kanalisationsausgang im Meer höher als die Toilettenschüssel – ihr könnt euch vorstellen was dann passiert. Seattle konnte offensichtlich erste Dummheiten überwinden und hat im Laufe der Jahre einige bekannte Namen ausgespuckt: Pearl Jam, Nirvana, Alice in Chains, Paul Allen, Bill Gates, Jimi Hendrix, Microsoft, Boeing, Amazon, Expedia, UPS und Starbucks, um nur einige zu nennen. Ich weiß nicht wie viele Starbucks-Filialen es gibt, aber man kann maximal zwei Minuten die Straße lang laufen bis die Nächste in Sicht ist.

Den passenden historischen Kern der Innenstadt bildet der Pike Place Market. Bauernmarkt seit 1907, findet man heute im täglichen Markttreiben auf sechs Stockwerken im wahrsten Sinne des Wortes alles: von frischen Lebensmitteln über Kleidung, Musik, Kosmetik, Kunsthandwerk und Antiquitäten bis hin zu Kuriositäten. Trotzdem fühlt sich der Markt authentisch an. Es mag daran liegen, dass er auch für Einheimische eine feste Institution ist und nicht wie manch anderer Markt ein reiner Touristen(-Vieh)-Trieb. Da wir nun doch – ob wir wollen oder nicht – zu dieser Spezies gehören, beherzigen wir (einmal) einen Tipp aus dem Lonely Planet und genehmigen uns Fish & Chips bei Lowell’s. Unser Urteil: solide, aber kein beileibe kein Must-Eat.

Nette Straßen mit Cafés, Bars und Vintage-Läden machen Capitol Hill zu unserem Lieblingsviertel. Im Uni-Viertel auf der Ave werden wir fündig auf der Suche nach noch fehlenden Burning Man Accessories wie Steam Punk-Brillen für Sandstürme und Künstlertape zum Verzieren. Auf der Ave stolpern wir auf der Suche nach einem Vintage-Gaming-Raum in ein Museum der Bahai, die uns gleich zum Kaffee einladen und uns ihre Religion erklären; ein skurriler Nachmittag.

Auffällig ist der Sinn für Public Art, also Kunst im öffentlichen Raum. Neben frei zugänglichen Bereichen mit großen Werken wie dem Sculpture Park und der Glass and Water Exhibition um die Space Needle herum, entdeckt man auch beim Streunen durch die Stadt öfters kleine und große Skulpturen die das Stadtbild verschönern.

So auch im unweit gelegenen Portland. Gefühlt der kleine Bruder Seattles. Hier ist alles etwas jünger und die Stadt wird oft als DIE Hipster-Stadt der Staaten betitelt. Als Kunst im öffentlichen Raum wird hier eher die Streetart gefördert. Wie es der Zufall will, findet die Tage unseres Besuchs ein Streetart-Festival statt bei dem Künstler aus aller Welt das Mauerwerk verschönern. Die Entstehung einiger Werke erleben wir live mit.

Viel künstlerisches Potential tummelt sich auf dem Portland Saturday Market am Columbia River. Neben lokalem Kunsthandwerk, locken leckeres Hausgemachtes und exzellente Straßenmusiker die Portlandier samstags aus ihren Häusern.

Es wirkt so als trennte der Columbia River die West von der East Side nicht nur geografisch, sondern als verändere der umgekehrte Blick aufs Ufer auch das Flair. Die West Side kommt als aufgeräumte mittelgroße Stadt daher wo Mitt-40er-Yoga-Jüngerin mit zu viel Kleingeld in der Handtasche auf der Vorzeige-Organic-Straße – der 23rd Street – entlangschlendern. Die East Side ist mit großzügig stehenden alten Fabrikgebäuden Schmelztigel von Start-Ups, DIY-Szene und Ideenschmieden. Dort schießt ein Café, Vintage-Möbelladen, Mikro-Brauerei, Co-Working-Space und Bar nach der nächsten hervor.

Im Touristenzentrum – auf der Suche nach der besten Campingmöglichkeit – wurde uns triumphierend mitgeteilt, dass die Stadt eben seit letzter Woche mehr Brauereien als München sein eigen zählt. Wir machen also die Bierprobe: an unserem reinheitsgebot-gewöhnten Gaumen löst das Gebräu keine Freudensprünge aus.

Fazit: Sowohl Seattle wie auch in Portland sind einen Besuch wert und gibt es jede Menge zu entdecken. Für einen längeren Aufenthalt fehlt uns aber eine erreichbare grüne Oase. Man ist eben verwöhnt als Münchner. Es gibt schöne Parks, allerdings eher als Ausflugsziel und eben nicht für einen kleinen Lauf oder das gemütliche Bier nach der Arbeit erreichbar. Alkoholgenuß in der Öffentlichkeit ist ohnehin verboten.

Seattle und Street Art-Tour in Portland